VersicherungenVersicherungsunternehmensrecht / Commercial / Außenwirtschaftsrecht06.03.2026 Pressemitteilungen
Versicherungsstopp in der „Straße von Hormus“: Neue Handelsrisiken für Unternehmen
Der aktuelle Konflikt im Iran entwickelt sich zunehmend zu einem globalen Wirtschaftsrisiko, mit unmittelbaren wirtschaftlichen Folgen für alle involvierten Unternehmen entlang der Lieferkette. Ein zentrales Signal dafür ist die jüngste Aussetzung der Kriegsrisiko-Deckung für Fahrten durch die „Straße von Hormus“ durch zahlreiche internationale Versicherer.
Wir stehen vor einer Zeitenwende in der Versicherbarkeit geopolitischer Großrisiken. Wenn Versicherer, die einen Großteil der weltweiten Handelsflotte absichern, ihre Kriegsrisiko-Deckung zurückziehen, wird aus einer regionalen Krise sehr schnell ein globales Lieferkettenproblem. Für Unternehmen stellt sich plötzlich nicht nur die Frage nach Transportkosten oder Laufzeiten, sondern danach, ob zentrale Handelsrouten überhaupt noch versicherbar sind.
Die aktuelle Entwicklung trägt Züge eines klassischen Black-Swan-Szenarios. Black Swans sind Ereignisse, die im Vorhinein so unwahrscheinlich erscheinen, dass sie außerhalb unserer Vorstellungskraft liegen, deren wirtschaftliche Auswirkungen aber enorm sind. Viele - gerade deutsche - Unternehmen sehen den Ausfall globaler Lieferketten als ein mögliches Szenario der kommenden Jahre. Die aktuelle Situation in der Straße von Hormus zeigt, dass sie mit dieser Prognose Recht haben und dass solche Szenarien schneller Realität werden können, als viele Marktteilnehmer bislang angenommen haben.
Auslöser des Konflikts ist die militärische Eskalation zwischen Iran, den USA und Israel. In der Folge haben mehr als die Hälfte der Mitglieder der International Group of P&I Clubs, die gemeinsam rund 90 Prozent der weltweiten Hochseeflotte versichern, ihre Kriegsrisiko-Deckung für bestimmte Routen in der Golfregion suspendiert. Die Straße von Hormus zählt zu den sensibelsten Energie- und Handelsrouten weltweit. Rund ein Fünftel des globalen Ölhandels passiert diese Passage.
Globale Auswirkungen für Versicherer und Lieferketten
Die wirtschaftlichen Folgen sind bereits spürbar. Reedereien stoppen Durchfahrten oder nehmen lange Umwege in Kauf. Transportzeiten verlängern sich erheblich, während die Kosten deutlich steigen. So erhebt etwa Hapag-Lloyd eine War-Risk-Surcharge von bis zu 3500 US-Dollar pro Container, teilweise auch für Waren, die sich bereits auf dem Seeweg befinden. Die Versicherungsentscheidung hat damit unmittelbare Auswirkungen auf Handelsströme und Produktionsplanung. Für exportorientierte Industrien können steigende Transportkosten und längere Transitzeiten schnell zu einem Wettbewerbsfaktor werden.
Für Unternehmen bedeutet das: Lieferketten werden nicht nur teurer, sondern auch weniger planbar. Wenn zentrale Seewege versicherungstechnisch plötzlich zum Hochrisikogebiet werden, wirkt sich das entlang der gesamten Wertschöpfungskette aus – von Energieimporten über Rohstoffe bis hin zu industriellen Vorprodukten.
Versicherungsrechtliche Fragen rücken in den Mittelpunkt
Mit der Eskalation rücken zugleich grundlegende versicherungsvertragsrechtliche Fragen in den Fokus. Unter welchen Voraussetzungen dürfen Versicherer ihre Deckung suspendieren? Handelt es sich um höhere Gewalt oder um ein kalkulierbares Marktpreisrisiko? Und wer trägt die zusätzlichen Kosten, wenn Schiffe umgeleitet werden oder sich Transportzeiten deutlich verlängern?
Die Auslegung von Kriegsausschluss-Klauseln und vertraglichen Suspensions-Rechten wird jetzt für viele Marktteilnehmer zum zentralen Thema. Unklare Vertragsklauseln können in solchen Situationen schnell zu erheblichen wirtschaftlichen Belastungen führen.
Neue Risikodimensionen durch moderne Konfliktformen
Hinzu kommt, dass moderne Konflikte zunehmend nicht konventionelle Formen annehmen. Gezielte Störungen maritimer Verkehrswege, hybride Angriffe oder koordinierte Cyberoperationen mit globaler Reichweite erschweren die Risiko-Bewertung erheblich.
Für Versicherer und Rückversicherer steigen damit die sogenannten Akkumulations-Risiken deutlich. Ein einzelner Großschaden, etwa ein Angriff auf einen LNG-Tanker in einer strategisch zentralen Passage, könnte Schäden im hohen dreistelligen Millionenbereich auslösen. Rating-Agenturen verweisen bereits auf zunehmenden Kapitaldruck und eine erhöhte Volatilität in diesen Spezialsparten.
Die Entwicklung ist damit nicht nur ein Underwriting-Thema, sondern eine Frage der Solvenz. Wir erleben keinen kurzfristigen Marktausschlag, sondern möglicherweise einen strukturellen Wendepunkt im Umgang mit geopolitischen Risiken.
Konkreter Handlungsbedarf für Versicherer und Unternehmen
Aus der aktuellen Entwicklung ergeben sich klare praktische Konsequenzen für Marktteilnehmer. Versicherer sind gefordert, Kriegsklauseln und Suspensions-Mechanismen präziser zu fassen, um langwierige Deckungs-Streitigkeiten zu vermeiden. Ebenso wichtig ist eine bessere Kontrolle von Risiken, die sich im Schadenfall stark bündeln können, sowie eine kritische Überprüfung von Rückversicherungs-Schutz und Kapazitätslimits.
Unternehmen wiederum sollten den Deckungsumfang bestehender Kriegsrisiko-Policen sorgfältig prüfen und ihre Lieferketten sowie geopolitischen Exponierungen neu bewerten. Wer weiterhin auf global integrierte Handelsstrukturen setzt, muss wissen, ob und in welchem Umfang zentrale Transportrisiken tatsächlich abgesichert sind.
Versicherbarkeit geopolitischer Großrisiken steht auf dem Prüfstand
Im Kern stellt die aktuelle Entwicklung ein bislang funktionierendes Modell in Frage: die Kombination aus einer günstigen Transport-Versicherung mit Kriegsausschluss-Klausel und einer separat eingedeckten Kriegsrisiko-Versicherung.
Je stärker geopolitische Risiken systemische Dimensionen annehmen, desto fragiler wird ihre Versicherbarkeit. Unternehmen, die weiterhin von global integrierten Lieferketten profitieren wollen, müssen ihre Risiko-Transferstrategien grundlegend neu denken.
